• WIR

Quer durch die USA mit Cowboyhut, Bibel und fehlendem Nummernschild

[ 5 8 • T A G E ] Von Seattle nach Portland, hoch ins atemberaubende Alaska, durch das traumhafte Kanada und quer durch die Vereinigten Staaten. 58 Tage durch Nordamerika, von der Westküste zur Ostküste mit einem „kleinen“ Abstecher nach Alaska. 58 Nächte in der Wildnis, 58 Tage und 17.702km (das sind auf die Meile haargenau 11.000Meilen) mit unserem Batmobil.



FLATHEAD LAKE UND GRANDMA

Wir verlassen Kanada und betreten erneut die USA, Grenzüberquerung Nummer 4 – die Grenzüberquerung verläuft wie immer „Haben sie Alkohol, Nicotin, Früchte oder Gemüse dabei?“ – „Nein, Officer“. Und so betreten wir den Bundesstaat Montana und fahren in Schrittgeschwindigkeit über die Grenze – die 1.5 Liter Rotweinflasche und der Lauch hinter der verdunkelten Kofferraumscheibe unseres Dodge Grand Caravan, Zigaretten und Bier unter dem Bett. Von der Grenze sind es noch circa zwei Stunden bis zum Flathead Lake, wo wir ein paar Tage bei „Grandma“ verbringen.



„Grandma“ stellt sich als eben genau diese vor – einen Namen bekommen wir nicht, auch wir rufen sie für die kommenden drei Tage nur „Grandma“. Grandma ist, in ihrem gelben Pullover mit den aufgestickten Maiblumen, das Oberhaupt der Familie Grad, lustig und laut, nicht auf den Mund gefallen, mit einer großen Liebe für Weißwein und einem traumhaften Häuschen am Flathead Lake. Hier verbringen wir ein wunderbares Wochenende mit Ireti, Tini’s bester Freundin, die bei ihrer Gastfamilie aus Collegezeiten den Sommer verbringt. Das Wiedersehen mit diesem lieben vertrauten Gesicht aus der Heimat könnte nicht schöner sein – die Umarmungen sind lang und liebevoll; es fühlt sich nicht an als hätten wir uns vor mittlerweile acht Monaten am Flughafen in Berlin Tegel voneinander verabschiedet; es fühlt sich an wie gestern.



Wir kochen, wir trinken Wein, beobachten Kolibris beim Zuckerwasser schlürfen auf der Veranda und wir gehen wandern. Um 5 Uhr morgens machen wir eine Wanderung im Glacier Nationalpark mit Ireti und Grandma’s Enkelkindern – eine Wanderung zum Hidden Lake Trail am frühen morgen mit traumhafter Landschaft, einem wunderbaren See und schneebedeckten Wegen. Schnee mitten im August – auf 2.000 Höhenmetern nicht unbedingt untypisch am frühen Morgen; für uns einfach ein faszinierender Anblick – es fühlt sich an wie Weihnachten als wir oben über den See blickend einen kleinen handflächengroßen Schneemann bauen. Und auf einmal hat sich das frühe Aufstehen und der Schlafmangel mal wieder gelohnt, auf einmal ist keiner mehr müde und das Wochenende perfekt.




YELLOWSTONE NATIONALPARK

Ursprünglich wollten wir uns unseren Weg Richtung Ostküste durch die kanadische Prärie bahnen, jedoch sollen diese nicht sonderlich viel zu bieten haben. Und so geht es für uns von Montana weiter nach Wyoming – ein weiterer Bundesstaat, in den wir unter „normalen“ Umständen wohl nie gekommen wären; ein weiterer Bundesstaat, der eindeutig unterschätzt und viel mehr zu bieten hat, als man ursprünglich denken würde.

Im Yellowstone Nationalpark verbringen wir eine Nacht auf einem schönen Campground, wo wir am Abend kochen, ein Lagerfeuer machen und bei Rotwein die Stille des Waldes genießen – am Morgen genießen wir ein entspanntes Frühstücken und beobachten dabei ein fleißiges Eichhörnchen, was im Minutentakt Nüsse von A nach B bringt – Eichhörnchen vergessen übrigens ziemlich schnell, wo sie ihre Nüsse versteckt haben; kein Wunder also, dass der arme kleine Alvin so beschäftigt am frühen Morgen ist.



Neben arbeitenden Eichhörnchen, Frühstück und Abendessen, hat der älteste Nationalpark der Welt vor allem ein gigantisches Angebot an Wundern zu bieten –heiße Quellen voller thermophiler Bakterien und Algen, farbenfrohe Geysire, Supervulkane, ein Canyon, Seen, Flüsse und Berge mit gigantischen Ausblicken.


Und so bahnen wir uns unseren Weg durch dieses einzigartige Weltnaturerbe und erkunden das Norris Geysir Basin, das Midway Geysir Basin und die Grand Prismatic Spring sowie den Old Faithful Geysir Basin, der leider nicht wie gehofft vor unseren Augen ausbricht – natürliche Grün-, Orange- und Rottöne geben dieser Welt etwas besonderes, dazwischen smaragdgrüne und hellblaue dampfende Tümpel, begleitet vom lieblichen Geruch fauler Eier mit einem Hauch von Maggi Würze - wir sind hier in einer ganz anderen Welt; ein T-Rex würde diese Welt vervollständigen – stattdessen zahlreiche Bären, Elche und Bisons.




Auch der Yellowstone Gran Canyon und der Yellowstone Lake sind einzigartig in ihrer Begebenheit – wir staunen uns mal wieder die Augen aus. Bei einer 9km langen Wanderung auf den 3.115m hohen Mount Washmore, genießen wir abschließend noch einen weitreichenden Blick über den Nationalpark begleitet von einer Herde Bergziegen.




Als wir Wyoming Richtung Osten verlassen, fahren wir durch eine atemberaubende Canyon Landschaft mitten in der Steppe – im Ort tragen die Männer hier Cowboyhüte und gehen am Mittwochabend alle zum Rodeo. Wie gesagt, eine andere Welt.




IN STEIN GEMEISSELTE PRÄSIDENTEN

Wir machen zwei Tage „Urlaub“ vom Reisen in Spearfish, South Dakota. Keiner versteht so recht, wieso man „Urlaub“ vom Urlaub braucht, noch wieso man „Urlaub“ in South Dakota machen würde.

Während unserer Reise stellen wir mit jedem Tag mehr und mehr fest, dass Reisen alles andere als Urlaub ist – Reisende sind keine Urlauber, und Reisen ist kein Urlaub. Wir sehen viele unglaubliche beeindruckende Dinge und wir bereisen die Welt und wir gehen nicht morgens um neun ins Büro um acht Stunden zu arbeiten und Geld zu verdienen. Genau genommen, machen wir aktuell gar nichts – wir verdienen kein Geld, wir arbeiten nicht, im Urlaub sind wir aber trotzdem nicht. Reisen ist kein Urlaub, Reisen ist verdammt anstrengend. Wir beschweren uns nicht und wenn überhaupt, klagen wir auf extrem hohem Niveau – das ist uns bewusst. Dennoch – Reisen, Dinge sehen, Dinge bestaunen, Recherche betreiben darüber wo es als nächstes hingehen soll, welches Monument wir uns als nächstes angucken müssen, welchen Berg wir als nächstes erklimmen wollen, das ständige ja fast tägliche stundenlange Autofahren, das tägliche Tanken, die tägliche Suche nach einem geeigneten Schlafplatz bestenfalls mit Klo, schlechtesten falls mit Busch, Tisch, Stühle und Gaskocher aufbauen, Essen kochen, Geschirr abwaschen, Tisch und Stühle einpacken, Sachen verstauen, die Suche nach einer kostengünstigen Duschmöglichkeit, die Suche nach einer Wäscherei, nach einem Supermarkt – es gibt jeden Tag was zu tun, es gibt nie nichts zu tun – unsere Schichten sind mehr als nur nine-to-five. Wir haben uns das alles selber ausgesucht und wir wollten es so – ganz genau so und wir sind unwahrscheinlich glücklich. Nach den vergangenen Wochen, die wir nun bereits auf diesem Kontinenten unterwegs sind, haben wir uns jetzt eine kurze Pause verordnet, in der wir „Urlaub“ machen – wir machen also zwei Tage „Urlaub“ in Spearfish, South Dakota.



Wir wohnen mit unserem Van für zwei Tage an einem Park mit Spielplatz und Basketballkorb; gelegen in einer schicken Siedlung mit offiziellem Standort der Zeugen Jehovas. Wir haben uns absolutes Nichts-tun verordnet und so sitzen wir in der prallen Sonne in unseren Campingstühlen vorm Van, machen eine Runde Sport im Park, telefonieren mit Freunden und Familie und spielen die ein oder andere Runde H-O-R-S-E auf dem Basketballplatz. Wir gehen noch eine Runde schwimmen im Kinderparadies des örtlichen Schwimmbades, bevor wir unsere Reise wieder aufnehmen – wir haben geruht, wir haben recherchiert, unsere weiterführende Route geplant, Tisch und Stühle wieder verladen, den nächsten Schlafplatz herausgesucht und machen uns erholt und frisch auf zum berühmtberüchtigten Mount Rushmore.

Und da stehen wir am Fuße des Mount Rushmore und blicken auf eine gigantische Granitnase; George Washington’s Nase – in Granit gemeißelt. Eine gigantische Nase ragt im Profil aus dem Berg heraus. Der Rest seines Gesichts wird durch einen Baum verdeckt. Von einem anderen Parkplatz können wir das gesamte Kunstwerk von Herrn Gutzon Borglum bestaunen – George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln, die jeweils und entsprechend die Entstehung, den Wachstum, die Entwicklung und die Erhaltung Amerikas repräsentieren. Gott sei Dank hat Richie Rich den Mount Rushmore nur im Film explodieren lassen, so dass wir die einmalige Möglichkeit hatten, dieses über 14 Jahre in Stein gemeißelte historische Kunstwerk zu bestaunen.




Neben zwei Tagen Urlaub in einer netten Siedlung und dem Mount Rushmore ist South Dakota nicht ganz unserer Geschmack – in Geschäften werden Sticker und Mützen mit der Aufschrift „Trump 2020“ verkauft und am Straßenrand stehen meterhohe Schilder mit der Aufschrift „Jesus Loves You“ und „I am a human being – born and unborn“. Als zwei Frauen, die sich lieben und die gerne Händchen halten, ist das hier nicht ganz unsere Komfortzone und so geht es für uns zügig weiter in den nächsten total anderen Bundesstaat:



Iowa. Am Ingham Lake verbringen wir nochmal zwei schöne Tage auf einem super günstigen Campground mit heißen Duschen – wir gehen laufen, umrunden einen weiteren wunderbaren See, passieren ein typisch amerikanisches und aus Filmen bekanntes Bibelcamp und schauen den Kröten beim überqueren der Straße zu. Sonst gibt es in Iowa tatsächlich nicht viel zu holen, also bahnen wir uns kurze Zeit später weiter unseren Weg durch die Vereinigten Staaten Richtung Ostküste.

Montana, Wyoming, South Dakota, Iowa - Staaten, in die wir wohl ohne diesen Roadtrip nie gefahren wären. Wow - einfach nur wow in vielerlei Sicht.


UND SIE TRÄUMT VON CHICAGO

Von Iowa geht es auf direktem Wege in den Bundesstaat Illinois – genau genommen nach Chicago. Während wir bei strömendem Regen den Mississippi River überqueren und das Ortseingangsschild passieren, rechnen wir schon mit dem Schlimmsten –tagelang gefangen im Regenwetter – in einer Stadt – in der Stadt mit der höchste Mordrate – in unserer kleinen Blechbüchse.


Wir parken unseren Van direkt an einem schönen Park direkt am Lake Michigan – hier wollen wir für die kommen Tage wohnen. Als wir die Türen unseres Vans öffnen, ziehen die Wolken davon und aus strömendem Regen wird blauer Himmel und Sonnenschein.





„Eventually, I think Chicago will be the most beautiful great city left in the world.“ ~ Frank Lloyd Wright

Chicago, der Puls Amerikas, „The Windy City“; wir versuchen all die Städte, die wir in den vergangenen acht Monaten erlebt haben, zu bewerten - haben wir hier die schönste, pulsierendste und zugleich ruhigste Stadt gefunden? Wir sind total verliebt in die Stadt, den Lake Michigan und die Menschen. Wir verlieben uns innerhalb weniger Minuten in Chicago – der Park ist wunderschön und ganz Chicago joggt durch den Park - mit Hund, mit Kinderwagen, mal in Gruppen oder alleine. Den Strand ziert ein Volleyballfeld nach dem anderen – alle besetzt – ganz Chicago scheint aktiv zu sein. Die Menschen sind schön und fit und bewegen sich – das steckt an und motiviert uns direkt – uns so verbringen wir die kommenden Tage vor allem damit jeden Tag durch den Park und auf dem Boardwalk des anliegenden Lake Michigan zu joggen oder die Stadt und den Pier per Fahrrad zu erkunden. 20.000 Schritte werden so schnell zum Tagesminimum.


Die Architektur und die Skyline ist ein absoluter Traum, der Navy Pier wunderschön. Touristen zentrieren sich in Hop - On - Hop - Off Bussen und bei der „Bean“ – selbst bei der Statue von Michael Jordan im United Center ist nicht viel los. Der Rest ist ruhig und wir finden viel Raum zum Atmen und Sein.




Das Wetter ist traumhaft – zwischendurch liegen wir mal am Strand, wir duschen im Freien an der Stranddusche mit Blick auf die Wolkenkratzer - wir fühlen uns wie Zuhause in dieser wundervollen Stadt am Lake Michigan, der den Anschein macht man wäre am Meer (immer noch 17.000km2 größer als die Schweiz oder so groß wie 6,7 Millionen Fußballfelder), dennoch schwimmt man in eiskaltem Süßwasser.


In der zweiten Nacht werden wir gegen 2:30 unsanft aus dem Schlaf geweckt, als ein Auto mit grellen Scheinwerfern unmittelbar vor unserem Van Parkt – wir werden so geblendet, dass wir das Auto nicht erkennen können – es ist ein großer Truck, soviel steht fest. Wir werden unruhig, als der Fahrer aus seinem Auto steigt und mit Taschenlampe um unser Auto herum schleicht – zweimal schleicht er herum und leuchtet dabei in unser Auto hinein. Wir liegen still aneinandergepresst im Van und machen keinen Ton – weiß er, dass wir hier drin sind? Wird er uns überfallen, ins Auto einbrechen oder uns umbringen? Sollen wir die Polizei rufen?

Wenige Minuten später, die sich für uns wie Stunden anfühlen, steigt der Fremde wieder in sein Auto ein und fährt. Wir wissen nicht, was wir machen sollen. Sollen wir hier bleiben? Sollen wir wegfahren? Was, wenn er wieder kommt? Was, wenn er uns beobachtet, wie wir wegfahren und uns dann verfolgt?

Wir entscheiden uns zu bleiben und sind total verängstigt – hell wach, total müde und sehr verwirrt.

Ungefähr fünf Minuten später kommt das Auto wieder und hält erneut direkt vor unserem Van an – die Scheinwerfer leuchten wieder in unser Auto und der Mann steigt wieder aus. Erneut läuft er um unser Auto herum und leuchtet mit seiner Taschenlampe ins Auto. Diesmal können wir das Auto erkennen – es ist ein Polizeiauto. Gott sei Dank – es ist die Polizei und kein Irrer, der uns etwas antun will. Sollen wir aus dem Auto aussteigen und ihn ansprechen? Sollen wir ihn fragen, was er will? Dürfen wir hier vielleicht doch nicht im Auto übernachten? Sollen wir ihn fragen? Wieso klopft er nicht an die Scheibe und sagt uns, dass wir hier wegfahren sollen? Wir überlegen auszusteigen, lassen es dann aber doch. Was, wenn er nicht erkennt, dass wir zwei Mädchen sind – was, wenn er überrascht ist oder sich erschreckt, weil er nicht weiß, dass wir aus dem Auto kommen – was, wenn er einfach auf uns schießt? Erneut bleiben wir einfach eng aneinander gepresst liegen – wir machen uns ganz klein, halten die Luft an – sind total verängstigt. Minuten – gefühlte Stunden später – klemmt er ‚endlich’ etwas unter unseren Scheibenwischer; ein Strafzettel – wahrscheinlich für illegales Schlafen im Auto oder so – das wird uns wahrscheinlich tausende Dollar kosten. Als der Mann endlich wieder in sein Auto steigt und wegfährt, sind wir immer noch zu verängstigt, um auszusteigen und nach zu sehen – es ist stockdunkel und mittlerweile 3:30. Es folgt ein unruhiger Schlaf mit vielen Wachphasen – gegen 6:00 Uhr stehen wir auf. Mittlerweile ist es hell und tatsächlich, an unserer Windschutzscheibe hängt ein Strafzettel: $60 – Das hintere Nummernschild fehlt.




Abgesehen davon, dass uns dies tatsächlich bewusst war – es ist vor einem Tag abgefallen, Gott sei Dank haben wir es nicht verloren... dennoch hatten wir bisher einfach noch nicht die Möglichkeit es wieder anzubringen – muss man denn wegen eines fehlenden Nummernschildes eine Stunde lang Terror und Panik verbreiten und mit einer Taschenlampe wie ein Axtmörder ums Auto herum schleichen?

Die $60 bezahlen wir, regen uns aber noch tagelang über das Vorkommen auf und die folgenden Nächte werden in Chicago nicht viel ruhiger – unser Verstand macht Faxen mit uns und wir sehen in jedem Passanten eine potentielle Gefahr – bei einer selbst für die USA überdurchschnittlichen Mordrate gar nicht so unwahrscheinlich.

Dennoch hält unsere Liebe für Chicago vor allem rückwirkend an – wir haben einen der drei Monate im Jahr erlebt, in der die Stadt wirklich ein Traum sein soll, alle restlichen Monate sind geprägt von Wind, extremer Kälte oder meterhohem Schnee.


Chicago – eine Sommerliebe.

MINUS $60 UND RIPPCHEN IN KANADA


Erneute Grenzüberquerung und wir sind wieder in Kanada – diesmal in Ontario. Hier gucken wir uns von der kanadischen Seite aus die Niagara Fälle an – die wild tosenden gigantischen Fälle ziehen in einer der unschönsten Städte Kanadas mit ihrer gewaltigen Kraft abertausende Touristen an. Und so stehen wir gemeinsam mit gut einer Million Menschen am Rande des Abgrunds, beobachten die Maid of the Mist von oben, wie sie mit hunderten in Regencapes gepackten kleinen Männchen ganz nah an die Fälle heranfährt. Wir schauen uns nach Verzehr eines amerikanischen Hotdogs per Zipline die ganze Situation diesmal von oben an und rauschen parallel an ihnen vorbei – Todesangst hatte vorab zumindest nur eine von uns.






Im Anschluss gehen wir noch „kurz“ ins Casino – wir wollen unsere Haushaltskasse etwas aufstocken und bestenfalls mit dem gewonnen Geld eine Nacht auf einem bezahlten Campground verbringen. Wir heben $60 von der Bank ab, der Mindesteinsatz liegt bei $25. In Runde eins verlieren wir $25, in Runde zwei gewinnen wir $40. In Runde drei setzen wir alles – wir verteilen die Chips auf den Zahlen des Roulettetischs – die Kugel rollt, der Nachbar ermutigt noch „ Number 13“. Nummer 13 finden wir auf anhieb nicht, es liegen zu viele Chips auf dem Tisch. Die Kugel rollt: „Rien ne va plue“ – „Nix geht mehr.“ – Es fällt die 13. Wir verlieren alles. Minus $60. Danke, tschüss, auf wiedersehen. Wir parken heute Nacht dann wohl auf einem Walmart Parkplatz – den Campground und vorallem Tini’s gute Laune haben wir soeben verspielt!

Walmart Parkplätze sind selten bis nie romantisch, aber sie bieten ein Klo, einen Wasserhahn und frische Brötchen zum Frühstück. In dieser Nacht bot uns dieser Walmart mal wieder ein kurioses Schauspiel. Als gegen 21:30 (wir liegen bereits im Bett) ein Auto neben uns hält und der Fahrer im Schein der Straßenlaterne, sich stets nach rechts und links umblickend, einen langen Gegenstand zusammenbaut. „Ich baue sie schnell noch hier zusammen, jetzt wo wir hier noch Licht haben.“ sagt er in normaler Lautstärke ohne das wir erkennen können mit wem er spricht. Kurz darauf erkennen wir – er baut eine Angel zusammen. Soll diese als Waffe dienen? Was hat er damit vor? Will er damit durch unsere offene Fensterscheibe das Auto öffnen? Wir stehen auf einem Walmart Parkplatz mitten in der Stadt – was will er hier mit einer Angel – in der Dunkelheit? Zugegebenermaßen – ja, wir werden langsam leicht verrückt und etwas paranoid – dies gestehen wir uns zumindest wenige Minuten später eindeutig ein, als wir auf Google Maps erkennen, dass es nur wenige Meter entfernt, hinter dem Walmart Zaun gelegen, einen kleinen Fluss gibt. Zugegebenermaßen – wir werden langsam leicht verrückt hier – aber ganz im Ernst! Wer baut denn auch eine Angel auf einem Supermarktparkplatz zusammen?

Am nächsten Morgen fahren wir von unserem Walmart Parkplatz in den kleinen Ort Burlingham – hier treffen wir Aidan und ihren Freund Joe.




Aidan und Sissy haben von 2012 bis 2013 gemeinsam in den Niederlanden studiert und sehen sich jetzt endlich nach gut 7 Jahren zum ersten Mal wieder – 7 Jahre sind vergangen, viel hat sich verändern und wir knüpfen dennoch dort an, wo wir damals aufgehört haben.

Gemeinsam gehen wir am Abend auf Kanada’s größtes Rib-Festival (Rib – nicht wie R.I.P. – Rest in Peace, sondern Rip wie Rippchen und Spareribs eben) – hier gibt es Auszeichnungen für die beste Rippchen und die besten Soßen – Trophäen der besten türmen sich vor den Ständen sowie Plakate voller Auszeichnungen. Die Rippchen probieren wir nicht, dafür trinken wir jeder drei Bier und gehen dann im Pub um die Ecke leicht benebelt essen. Wir reden wie eh und je und adaptieren unser Trinkverhalten aus Studentenzeiten.

Den Gedanken, dass das eine ziemlich dumme Idee sein könnte, haben wir natürlich nicht – wir feiern das Leben, unser Wiedersehen und das Reisen... erst am nächsten Morgen stellen wir mal wieder mit Erschrecken fest, dass wir definitiv keine Studenten mehr sind und dass Schlafmangel und acht Bier unser absoluter Untergang sind – nach einer kurzen Nacht im Gästezimmer mit Zugang zu Bad und Dusche, machen sich Übelkeit und Kopfschmerzen breit. Wir verabschieden uns von unseren beiden lieben Kanadiern am frühen morgen und machen uns auf eine 45-minütige Katerfahrt nach Toronto. Hier angekommen, parken wir im Hyde Park und verbringen den ganzen Tag bei leichtem Nieselregen im Van – dazu ein Netflix Marathon und eine XL Pizza.



Am nächsten Tag gibt es mal wieder Sightseeing „per Pedes“ und so joggen wir durch den Park, die Nachbarschaft, einmal bis zum Lake Ontario und zurück – viele vergleichen Toronto mit Chicago, wahrscheinlich auf Grund seiner Wolkenkratzer und dem ähnlich großen See - aber wir finden Chicago einfach viel viel schöner – und so machen wir uns nach diesem kurzen Aufenthalt in Toronto wieder auf den Weg zurück zur Grenze. Es geht mal wieder zurück in die USA.


BOSTON UND DIE LETZTEN METER


Grenzüberquerung Nummer 6. Diesmal machen es uns die Grenzbehörden etwas leichter: „What did you do in Canada?“ – „Visit the Niagara Falls.“ – „Okay – bye.“.

Und so sind wir wieder in den Vereinigten Staaten – jetzt in Boston.

In Bosten schauen wir uns die Harvard Universität mit seinen intelligenten und wichtigen Studenten an – ein grandiose Gebäude, ein schöner Campus; wir überhören Gespräche, die eindeutig nicht für unseren IQ gemacht sind.






Wir verbringen die Nacht eine halbe Stunde unterhalb von Boston auf einem riesigen schönen Campground im Wald mit heißen Duschen und Toiletten – auf unsere letzten zwei Tage im Van wollen wir es nochmal richtig schön haben und unser Leben als echte Naturburschen so richtig genießen. Bei Bier, Wein und Pasta genießen wir den Abend und die Geräusche der Natur und lassen die letzten Tage, Wochen und Monate nochmal Revue passieren.

Von hier aus machen wir uns am nächsten Morgen nach einem Frühstück und einer warmen Dusche per Fähre auf den Weg nach Boston – den Stadtverkehr wollen wir uns wirklich nicht nochmal antun. Die Fährfahrt ist traumhaft, die Luft wundervoll und der Blick auf Boston vom Wasser wirklich grandios. Wir lauschen einer alten Dame, die ihrem Enkelkind den Aufbau der Skyline und die historischen Begebenheiten erklärt. Angekommen ist unsere Stadtbesichtigung hingegen, ähnlich wie in Toronto, eher lieblos – wir schlendern umher, schauen uns an, was uns auf dem Weg entgegen kommt, essen ein Eis und gestehen uns unser Reiseburnout mal wieder ein. Ohnehin sind wir nicht die großen Sightseeing und Städtetrip Menschen – und so laufen wir von der Liberty Fleet zum Old State House, entdecken zufällig Franklin’s Grab, gehen durch den Boston Common Park, beobachten zwei Eichhörnchen beim „raufen“, passieren die Swan Boats auf dem See im Public Garden, laufen vorbei am John Hancock Tower und bahnen uns dann, nach einem schockierenden Besuch bei Primark, unseren Weg zurück zur Fähre.





Wir fahren erschöpft vom ganzen „Sehen“ zurück zu unserem Campground und verbringen unseren letzten offiziellen Tag als Camper auf dieser Reise – der letzte Abend im Van, die letzte Mahlzeit vom Gaskocher, die letzte Nacht im Auto, das letzte Mal Vanlife. Es stimmt uns etwas sentimental – wir haben das so gut gemacht, wir haben uns so gut verstanden – wir haben uns so unglaublich wohl gefühlt.





Ja – jetzt geht ein Abschnitt vorbei – die letzte Nacht im Van, darauf folgend der letzte Morgen in unserer kleinen silbernen Knutschkugel – eine letzte Runde laufen gehen auf dem Campground, nochmal heiß duschen, nochmal Frühstücken. Ja – jetzt geht ein Abschnitt vorbei – ein Abschnitt dieser Reise, ein Abschnitt unseres ganzen Lebens. Ein wundervoller Abschnitt, in dem wir uns nochmal besser kennen lernen konnten – einander und uns selbst; eine Möglichkeit, die vielen Menschen und vielen Paaren verwehrt bleibt – ein Segen für uns.



Und so machen wir uns auf die letzten Kilometer, die uns noch von unserer gigantischen Route verbleiben. Von Boston fahren wir über Connecticut – machen einen kurzen Überraschungsbesuch bei Sissy’s Gastschwester Julia in ihrer Uni; eine Umarmung, etwas quatschen, dann geht die Reise weiter. Von hier fahren wir einmal durch New York City und eine ganz schön krasse Verkehrssituation und dann endlich vorbei an dem Willkommensschild von New Jersey, the Garden State!





In New Jersey lebt Sissy’s Gastfamilie von damals – damals als AuPair noch Gastfamilie mittlerweile zweites Zuhause und Familie - mit Simon, Anna, Julia, Jouke und Lucas und Laura.


Gegen 9 Uhr Abends fahren wir also hupend, schreiend und mit Gänsehaut und Tränen in den Augen auf den Hof – Anna und Simon sitzen bereits mit Rotwein auf der Veranda und warten auf uns. Wir fallen einander in die Arme und können es kaum glauben, dass wir unser Ziel endlich erreicht haben!

Von Seattle nach Portland, hoch ins atemberaubende Alaska, durch das traumhafte Kanada und quer durch die Vereinigten Staaten. 58 Tage durch Nordamerika, von der Westküste zur Ostküste mit einem „kleinen“ Abstecher nach Alaska. 58 Nächte in der Wildnis, 58 Tage und 17.702km (das sind auf die Meile haargenau 11.000Meilen) mit unserem Batmobil - unfallfrei und mit nur einem Strafzettel. 58 Tage gefüllt mit hungrigen Bären, flüchtigen Straftätern, sechs Grenzüberquerungen, 3 Ölwechseln, unzähligen Gletschern, Bergen und Wanderungen, treibenden Eisschollen und feurigen Geysiren, wilden Tieren, unglaublicher Landschaft, gigantischen Städten, Freiluftduschen mitten im Canyon oder vor meterhohen Wolkenkratzern, Begegnungen mit alten und neuen Freunden - 58 Tage, zwei Länder, 4 kanadische Provinzen und 16 amerikanische Bundesstaaten und vier Zeitzonen - 17.702km - nur wir zwei. Und jetzt... jetzt sind wir angekommen und machen nach 246 Tagen auf der Reise eine dreiwöchige „Pause“ bei Familie an der Ostküste bevor die Reise weiter nach Mittelamerika geht. Roadtripende - wir haben es geschafft, wir haben Nordamerika durchquert; dieser Planet ist einfach nur so unglaublich schön und einzigartig - dankbar, bereichert und einfach nur glücklich beginnen wir jetzt eine Zeit mit richtigen Toiletten, täglichem duschen, einem Bett mit Lattenrost und einem richtigen Haus mit vier Wänden - mit Wasserhahn, Strom und Heizung beginnt jetzt eine ganz neue Ära - willkommen zurück in der Realität. Goodbye Vanlife, wir hatten die Zeit unseres Lebens und den Roadtrip aller Roadtrips. Wir sind einfach nur glücklich.





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